BEAUTY IN BROKEN Press photos 2022

Es gibt diesen einen Song auf „Beauty In Broken“, da kriegen The Jeremy Days einen. Ein paar Töne vom Klavier und vom Keyboard, die sich Zeit lassen, zu verhallen. Ein dezenter Beat, der stoisch voranschreitet, wie jemand, der nach einer langen Nacht die Terrassentür öffnet und ein paar Schritte in das taubenetzte Gras wagt. Dann erhebt Dirk Darmstädter die Stimme, erzählt von der Schönheit, die ihn umgibt, von Lebenstrunkenheit und davon, wie wunderbar die Dinge brennen würden. 

Er spricht das eher, als dass er singt. Erstaunen tropft aus seiner Stimme, bevor der Refrain von „Postcards“ dann doch die große Melodie sucht. Irgendwann erzählt Darmstädter von einem Koffer volle Sterne. Ganz schön kitschig, aber irgendwie ist das vollkommen egal: „Can you see and feel it now?“, fragt er, die Antwort ist ein beherztes „Ja!“ 

Der Tagesspiegel / Jochen Overbeck / 23.03.2022   - Der ganze Artikel hier

Some people writing about us. Nice.

MPMBL Blog - Interview mit Edgar Rodehack, 1. November 2019  - The Jeremy Days

Nicht mehr lang hin, dann geht wieder mal ein Stück Jugend auf die Reise. Und auch wenn das vielleicht etwas kitschig klingt - für viele von uns gehörten die Jeremy Days Ende der Achtziger eben einfach mit dazu. Denn wer sie kannte und mochte, tat das auch und vor allem, weil sie herausragten aus dem deutschen Kanon damals. Sie waren weder über die Maßen verkopft und auch nicht betont albern oder spaßig, nicht mal besonders hintergründig. Die Jeremy Days waren mal lässiger, eleganter Pop und mal roughes Gitarrengeschrammel, sie wollten so gar nicht deutsch klingen, sondern lieber nach ihren Vorbildern von der Insel, die man sich hierzulande gerade erst nach und nach erschloss. Und hätten sie nicht eines frühen Tages mit ihrem Überhit "Brand New Toy" die Videocharts gestürmt, der Platz zwischen den Stühlen wäre ihr Stammplatz geblieben. Verweigert haben sie sich diesem Erfolg nie, gesucht haben sie ihn aber auch nicht, zumindest nicht um jeden Preis und schon gar nicht auf Kosten der eigenen Integrität und der Dreingabe ihres Selbstverständnisses. Und nun gehen sie also mit der alten Besetzung wieder auf Tour. Warum nach all den Jahren? Gute Frage. Dirk Darmstaedter, Kopf und Gründer der Band sitzt gut gelaunt in seiner Heimatstadt Hamburg und kaut munter Franzbrötchen. Und er hat darauf, in erstaunlich breitem, hanseatischem Slang, natürlich die passende Antwort. 

Ihr habt vor einem Jahr in den Hamburger Docks euer letztes Konzert gegeben, damals stand in der WELT das Zitat, wer euch sehen wolle, der müsse sich beeilen, alles andere wäre das reinste Pokerspiel. Nun gleich eine ganze Tour – woher der Sinneswandel? 

Das Konzert war sehr speziell, etwas sehr, sehr Besonderes für jeden von uns, hat irre Spaß gemacht und wir haben dort regelrecht Blut geleckt. Außerdem hatten wir uns ewig nicht gesehen und dass es überhaupt zu dem Auftritt kam, war schon überraschend. Wir wussten zudem nicht, was passiert: Da stehen wir zum ersten Mal seit ewigen Zeiten im Proberaum, verstehen wir uns überhaupt? Und interessiert es denn jemanden da draußen, was wir machen? Aber dann war das für uns alle eine so freudige Erfahrung, die ganze Probezeit hat tierisch Spaß gemacht und der Druck war raus. Wir haben uns danach angeschaut und gesagt ‚Hey, das kann’s doch jetzt nicht gewesen sein!‘Natürlich hätte das auch schiefgehen können. Aber weil‘s so toll war, waren wir uns einig, noch mal was dranzuhängen. 

Die Jeremy Days galten immer als eine Band, die Entwicklungen vorweggenommen hat, die weiter war als viele hierzulande, die so gar nicht deutsch klangen. Habt ihr denn auch Lust, diesen Stil weiterzuentwickeln, dort anzusetzen und neue Sachen zu machen oder baut ihr zunächst einmal auf dem bekannten Material auf? 

Also zunächst einmal kommt die Tour und die wird sich getreu dem Motto „The Unlikely Return“ natürlich vorrangig mit den zehn Jahren Bandgeschichte beschäftigen. Jetzt geht es also wieder in den Proberaum und dann noch mal eine Zeit auf engstem Raum im Tourbus – das sind also echte Wettkampfbedingungen. Tja, und wenn wir uns danach immer noch so gut verstehen, dann kann es durchaus passieren, dass da mehr draus wird. Aber all diese Fragen werden wir uns wohl frühestens ab dem vierten Tag im Bus stellen. Ich habe ja gesagt, dass der fehlende Druck das alles erst möglich gemacht hat und genau das wollen wir gern erst mal so beibehalten – wenn dann trotzdem mehr geht, kann man aber auch nichts ausschließen.

Auch wenn das wohl zu den Standards der solcher Fragestunden zählt, für uns klingen die Songs noch immer ziemlich frisch und erstaunlich zeitgemäß. Wie geht es Euch damit? Habt ihr denn eine Erklärung dafür, warum das damals schon so funktioniert hat? 

Das ist schön, wenn ihr das so empfindet, das hört man natürlich gern, aber wir persönlich hatten beim ersten Anhören doch eher das Gefühl ‚Puh, da ist ganz schön was passiert zwischendrin, zwanzig, dreißig Jahre sind ja schon vorbei ...‘ So richtig überzeugt waren wir dann erst, als wir die Sachen im Proberaum neu eingespielt und interpretiert haben, weil‘s einfach anders, passender klang

Ihr habt immer gern Stile gemischt, den Pop, den Indierock, Synthesizer, Gitarren, gern auch härtere, wolltet Euch nicht festlegen lassen. Wie seht Ihr die heutige Musikszene, der ja gerade in Sachen Rock gern Manierismus, Retromanie und zu wenig Innovation vorgeworfen wird? Stimmt es, dass die wirklich neuen Sachen ganz woanders stattfinden? 

Wir sind ja alle noch mittendrin im Geschäft, ich selbst habe ja diverse Soloplatten eingespielt [im August ist sein letztes Album „Strange Companions“ erschienen, d.Red.] und natürlich bekommen wir mit, wie spannend die Zeit auch heute ist. Das Problem ist manchmal, dass es neben den ganz großen Entwicklungen, nehmen wir beispielsweise den deutschen Hip-Hop, noch eine so große Vielzahl an Makro- und Mikrobewegungen und -stilen gibt, die Musikwelt wird quasi atomisiert und die Orientierung fällt da unglaublich schwer. Zu der Zeit, in der ich aufgewachsen bin, gab es eigentlich nur die Wahl zwischen Sweet und Slade, übertrieben gesagt. Das sieht heute schon ganz anders aus, dieses wilde Vermischen von Stilen und Kulturen fand damals eigentlich kaum statt. Bei uns war die Basis immer dieses Singer-Songwriter-Ding und natürlich die ganzen englischen Bands, danach haben aber auch wir angefangen zu experimentieren, haben versucht, die Beach Boys mit Post-Punk zu kreuzen. Wenn wir heute wieder neu anfingen, würde es wohl genauso wild werden. 

Dirk, Deine Soloarbeiten unterscheiden sich deutlich vom Sound Deiner früheren Band, wie gehst Du mit diesem Unterschied, der vielleicht auch ein bewusster Widerspruch ist, um? 

Also ich sehe da gar keinen so großen Unterschied, das sind am Ende für mich und für uns einfach nur Songs, die mit der Gitarre von Jörn, den Keyboards von Louie und dem Schlagzeug von Stefan nur auf eine andere Umlaufbahn gehoben werden.

Mit einem Überhit wie „Brand New Toy“ hättet Ihr heute im Zeichen von #MeToo und NewFeminism womöglich ein Rechtfertigungsproblem. Ist es schwieriger geworden, unvoreingenommen, gern auch im besten Wortsinn leichtsinnig an solche Stücke zu gehen? Stört die Correctness den Kreativitätsprozeß? 

Nö, eigentlich gar nicht. Ich habe in meiner ganzen Zeit als Songschreiber noch kein Stück geschrieben, bei dem ich gedacht habe ‚Oh, da musst du jetzt aufpassen!‘. Und was „Brand New Toy“ betrifft, da ist es ja auf den ersten Blick auch nur der Titel, bei dem man auf solche Gedanken kommen könnte – wenn man sich den Text des Songs näher anschaut, dann wird ja relativ schnell klar, dass es hier genau umgedreht ist und eben die Frau die Power hat. Aber diese Fragestellung tauchte so auch schon vor zwanzig Jahren auf, auch da musste man noch schnell hinterherschicken, warum und wieso der Titel so heißt. 

Die Jeremy Days haben immer englisch gesungen – was war damals Eure Intention und würdet Ihr Euch heute noch genauso entscheiden? 

Meine Muttersprache ist nun mal Englisch [Dirk Darmstaedter ist im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern nach Teaneck, New Jersey gezogen, d. Red.]. Von daher war das von vornherein klar, dass wir auf auf Englisch singen. Heute würden wir uns aus den gleichen Gründen wieder genauso emphatisch dafür entscheiden. 

Noch mal zurück zum Sound: Als Musiker würde man doch gern wissen wollen, warum Eure Songs auf der einen Seite zwar nahe am Mainstream entlangschrammen, dann aber doch mit Melodien und Arrangements in Spannung bleiben, die nie zu gefällig sind? Ist das bewusst so gemacht, ist das geplant und kommt sowas eher nebenher? 

Das ist eigentlich ganz schön umschrieben, genau das hat uns damals umgetrieben, das hätte ich auch nicht besser sagen können. Denn das hat sich eben nicht zufällig oder von ganz selbst so ergeben, sondern wir standen damals nach unserem ersten Album tatsächlich unter dem Druck, der deutschen Popszene etwas Neues, Frisches zu geben. Und diesem Druck haben wir uns dann wirklich gestellt und entsprechend haben die folgenden Platten geklungen. Wir haben uns schon bemüht, den Songs eine besondere Note aufzudrücken. 
Nach „Brand New Toy“ und dem Riesenerfolg hätten wir diesen Song auch mehrmals recyceln können, wir haben uns aber dafür entschieden, die Forschungsreise in Sachen Pop weiterzuverfolgen, wir wollten einfach wissen, was da noch drinsteckt. Das war toll, aber eben auch sehr, sehr anstrengend. Man muss sich dabei auch mal vergegenwärtigen, dass damals Sachen wie The Smiths, Lloyd Cole oder auch Aztec Camera der Mainstream waren, von dem wir hier reden, heute gelten die ja als cooler Indierock. Aber wir wollten eben nicht die unhörbare Noiseformation sein, sondern lieber die nächsten Beatles werden und Hitsingles haben. Und uns trotzdem weiterentwickeln, denn alles andere wäre nicht unser Anspruch, wäre langweilig gewesen. Und letztendlich bin ich auch stolz darauf, dass wir das so gemacht haben, auch wenn das Publikum nicht immer und alles mitgegangen ist.

Ihr habt Euch also diesen Druck auch ein Stück weit selbst gemacht, ausgelöst vielleicht auch durch die besonderen Lebensumstände Eurer Band – wie kann man sich das vorstellen? 

Klar, wir haben aus unserer Karriere einen Trip gemacht, das muss man so sagen. Wir haben hier in Hamburg zusammengewohnt und später dann in London, waren dort wie auf einer einsamen Insel, weil ja jeder in der Band seine regionalen Kontakte gekappt hatte. Und so hatte dann jeder dort in seinem Zimmer eine Art kleines Studio und immer, wenn wer was Spannendes gefunden hatte, wurde so laut gedreht, dass es alle hören konnten und dann haben wir das zusammengeschraubt. Der Abwasch ist dann allerdings, altes WG-Problem, liegengeblieben ... 

Klingt fast ein wenig wie der Musikerhimmel… 

Ja, das war es im besten Falle auch. Solch eine kreative Gemeinschaft, ja Familie zu haben, das ist einfach etwas ganz Kostbares und Seltenes und viele von den Kollegen, mit denen ich in den Jahren zusammengearbeitet habe, hätten ein Bein dafür geben, so etwas erleben zu dürfen. Nur irgendwann frisst einen das natürlich auch auf und so war’s ja dann letztendlich auch. 

Dass Ihr Euch aber heute nach fünfundzwanzig Jahren wieder treffen und zusammensetzen könnt – das spricht doch auch für dieses Leben, für diesen Grundstein, oder? 

Ja, das stimmt wohl, aber es ist heute trotzdem komplett anders. Wir haben uns zwar wieder regeneriert, aber jeder ist danach auch seinen ganz eigenen Weg gegangen. Damals hat die Enge unserer Gemeinschaft dafür gesorgt, dass wir uns alle sehr ähnlich entwickelt haben, wir sind wie ein Fischschwarm immer alle gemeinsam in die eine oder andere Richtung geschwommen. Heute, nach über zwei Jahrzehnten, sitzen hier am Tisch sehr unterschiedliche Leute. Aber die Verbindung ist halt noch da. 

Auf das Konzert darf man ja wirklich gespannt sein, denn eigentlich müsst Ihr ja die Stücke, die damals gemeinsam entstanden sind, neu interpretieren, da kommt ihr ja gar nicht umhin? 

Naja, wir haben eigentlich immer den Vorsatz gehabt, die Stücke anders klingen zu lassen als im Aufnahmestudio – diesmal dachten wir tatsächlich ‚Hey, lasst uns doch einfach mal alles so spielen, wie es auf Platte ist!‘ Klar wird das irgendwie anders klingen, aber es ist nicht zu erwarten, dass „Julie Thru The Blinds“ jetzt mit drei Blockflöten und drei Tubas daherkommt. 

Uns ging es mehr um den Geist der Songs, der sich ja mit der Zeit ändert… 

Das stimmt, da kannst du eh nichts gegen tun. Es ist schon interessant, sich in die Stücke reinfallen zu lassen, in die Gemeinschaft, in die Umstände, unter denen sie damals entstanden sind. Natürlich habe ich, wenn ich die Band neben mir stehen sehe, so meine Flashbacks. Aber wir sind andere, als wir 1989 waren und da bekommen die Sachen automatisch einen anderen Twist. Und genau das ist auch ein Grund dafür, dass wir es noch mal versuchen wollen: Weil es uns nicht so vorkommt, als wären wir zusammen mit den alten Stücken aus der Zeit gefallen, sondern weil es sich einfach gut anfühlt.

 

Hamburger Morgenpost | Triumphales Comeback nach 24 Jahren: Die Jeremy Days verzaubern das ausverkaufte Docks 

Wenn die Band gerührter ist als die Zuschauer, weiß man, dass etwas Großes passiert. Wie Freitag im ausverkauften Docks. 24 Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Auftritt gaben die Jeremy Days ein umjubeltes Konzert - vorerst soll es bei dieser einen Show bleiben. 

Mit "It Is The Time" geht es los, einem Song vom zweiten Jeremy Days-Album "Speakeasy" (1992). Sie wollten "eine sinnvolle Setlist aus all den Jahren" spielen, hatte Sänger Dirk Darmstaedter (53) gesagt, "alles Klassiker". Davon gibt es viele: "Starting To Pretend", "Julie Thru The Blinds", "Are You Inventive?". Die Band (für Bassist Christoph M. Kaiser ist Stephan Gade dabei) ist nach ein paar Minuten eingespielt. 

Dass große Gefühle im Spiel sind, wird auch schnell klar: "Echt unglaublich, noch einmal mit diesen geilen Typen hier stehen zu dürfen", sagt ein sichtlich aufgewühlter Darmstaedter mit wackliger Stimme. Er habe von "Flixbus-Fahrgemeinschaften" gehört, "sogar aus Oslo, London und Edinburgh sind Leute da mit dem Flieger", sagt er. Die weiteste Anreise hatte aber wohl Keyboarder Louis C. Oberlander: Er lebt seit Jahren in Los Angeles - auch er ist, wie alle, von der ersten Sekunde an euphorisiert, klatscht in die Hände, feuert die Fans an. Immer wieder umarmt sich die Band. Ihre Fans feiern derweil nicht nur Hits wie "Brand New Toy" (mitten im Set) und "Virginia", sondern auch die Erinnerung an ihre Jugend. 

Als die Band bei "Sylvia Suddenly" nur mit Akustikgitarre und Xylofon am Bühnenrand spielt, ist der Jubel riesig. Das poppige "Rome Wasn't Built In A Day" wird ebenso gefeiert wie das rockigere "What The Wind's Blowing 'Round". "Das war so ziemlich das geilste Konzert seit 24 Jahren", sagt Darmstaedter, der als Solomusiker in den vergangenen Jahren unzählige Gigs gespielt hat, irgendwann. 

Alle sind nass geschwitzt, strahlen. Vier Mal werden die Jeremy Days insgesamt zu Zugaben zurück auf die Bühne geholt. Niemand will, dass dieser Abend endet. Nach zwei Stunden Bad im Gefühlsüberschwang ist dennoch Schluss. Nachschlag, bitte!